10 Tipps für einen guten Kinderschlaf von Anfang an

Foto Stephanie Klausmann
Über die Autorin
Staatlich anerkannte Erzieherin, gelernte medizinische Fachangestellte im Bereich Pädiatrie (Kinderheilkunde) und Schlafberaterin.

Das Thema Kinderschlaf führt früher oder später in den meisten Familien zu großen Herausforderungen. Die folgenden 10 Tipps sollen Euch helfen, das Thema möglichst entspannt aber informiert angehen zu können.

1. Informiert Euch über das kindliche Schlafverhalten

Der kindliche Schlaf ist anders aufgebaut als der der Erwachsenen. Neugeborene haben noch keinen festen Tag-Nacht-Rhythmus entwickelt. Sie schlafen in kurzen und unregelmäßigen Abständen - rund um die Uhr. Erst im Verlauf des ersten Lebensjahres verlegt ein Kind seinen Schlaf zunehmend in die Nacht.

2. Lasst Euer Baby von Anfang an bei Euch schlafen

Schlafen ist wie Essen, Sprechen und Laufen: nämlich ein Entwicklungsprozess.

Schlafen ist lebensnotwendig und muss nicht gelernt werden. Ein Kind muss jedoch lernen, das Vertrauen aufzubauen, auch nachts nicht alleine gelassen zu werden und entspannt einschlafen zu dürfen. Am besten kann Euer Kind diese sensible Entwicklung durchlaufen, indem es von Anfang an bei Euch schlafen darf, so dass sein Bedürfnis nach Sicher- und Geborgenheit voll und ganz gestillt wird. Mit dem Älterwerden lernt ein emotional gefestigtes und sicher gebundenes Kind automatisch, auf Eure Anwesenheit zu vertrauen, auch wenn Ihr nicht unmittelbar bei ihm seid.

3. Beachtet beim gemeinsamen Schlafen die Sicherheitsmaßnahmen

Wenn Ihr Euer Baby im ersten Lebensjahr bei Euch im Bett schlafen lasst, solltet Ihr die nötigen Sicherheitsmaßnahmen beachten.

  • Wichtig ist, dass ein Säugling in Rücken- oder Seitenlage schläft
  • Ein erhöhtes Risiko für den plötzlichen Kindstod (SIDS) stellt Alkohol-, Nikotin-, Drogen- oder Medikamentenkonsum der Eltern dar
  • Schlafsäcke statt Decken verwenden
  • Das Kind sollte genug Platz haben und auf einer festen Unterlage liegen (von Couch oder weichen Matratzen rate ich ab)

4. Genug Platz für Alle

Am besten kommen Wiegen, Gitter- und Kinderbetten nur kurze Zeit zum Einsatz. Sie entsprechen oft nicht den kindlichen Bedürfnissen. Die meisten Kinder sind in den ersten Monaten bis Jahre ihres Lebens zumindest zeitweise auf Körperkontakt mit den Eltern angewiesen, um entspannt schlafen zu können. Eine Investition, die sich für alle Familien über Jahre hinweg auszahlt, ist der Kauf eines großen Bettes, in dem Ihr auch dann gut und bequem schlafen könnt, wenn die Kinder bei Euch schlafen. Auch ältere Kinder kommen hin und wieder nachts gerne zu den Eltern. Gerade wenn der erste Schultag bevorsteht, ein Geschwisterchen geboren wird oder sie etwas anderes belastet.

5. Nehmt es gelassen, wenn Euer Kind noch nicht durchschläft

Für viele Eltern scheint das „Durchschlafen“ des Kindes das große Endziel zu sein. Jedoch wird diese Erwartung, gerade in Europa viel zu früh angestrebt.

 „Durchschlafen“ bedeutet nicht, dass ein Kind die ganze Nacht ununterbrochen schläft. Es bedeutet, dass es von ca. Mitternacht bis 5 Uhr morgens schläft, ohne in dieser Zeit nach Euch zu verlangen. Es wacht zwischen zwei Schlafzyklen trotzdem kurz auf, ist aber in der Lage, ohne Hilfe wieder einzuschlafen. Oft schlafen Babys mit 3 bis 5 Monaten besser als zwischen dem 6 bis 12 Lebensmonat. In der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres wacht ein Großteil aller Kinder nachts wieder vermehrt auf. Gründe sind neben Hunger und Durst die emotionale Entwicklung, z.B. Ängste, Zahnen, Infektionen, Entwicklungsschritte, Tageseindrücke, die verarbeitet werden müssen. Zudem begünstigt es eine regelmäßige Nahrungsaufnahme, Nähe, Wärme, Schutz und Zuwendung der Bezugsperson. 

Neugeborenes schläft auf Arm

6. Rasch Nähe signalisieren, wenn Euer Baby weint

Babys und Kleinkinder, die bei den Eltern schlafen dürfen, schreien meistens gar nicht, da ihre Bindungspersonen ja schon da sind. Stillkinder können idealerweise ohne Aufwand an die Brust genommen werden und schlafen schnell wieder ein.

Wenn Euer Kind bereits alleine schläft, wird es ab und zu nach Euch rufen, wenn es aufwacht. Lasst es nicht schreien und geht sofort zu ihm. Euer Baby versucht keineswegs Euch zu manipulieren. Die Nacht und das Alleinsein sind für ein Kind beängstigend. Es braucht immer wieder die Versicherung, dass Ihr noch da seid und es in Sicherheit ist. Je zuverlässiger Ihr verfügbar seid, desto besser kann es beruhigt werden und wieder einschlafen. Mit dem Älterwerden wird es zunehmend lernen, nicht bei jedem Aufwachen nach Mama oder Papa zu rufen. Wenn Ihr es jedoch schreien lasst, erlebt Euer Kind große Angst und fühlt sich in seinem Vertrauensaufbau verunsichert. Es wird dadurch noch mehr klammern und häufiger rufen.

7. Passt Eure Erwartungen der Reife Eures Kindes an

Untersuchungen in anderen Kulturen haben gezeigt, dass diese deshalb keine kindlichen Schlafstörungen kennen, weil sie ganz andere Erwartungen an das Verhalten ihrer Kinder haben. Während in Europa oder Nordamerika bereits Eltern von Säuglingen besorgt den Kinderarzt aufsuchen, wird in Südamerika, Afrika oder Indien erst mit 3 bis 5 Jahren von einem Kind erwartet, dass es alleine und die ganze Nacht durchschläft.

Schlafen ist ein biologischer und emotionaler Reifeprozess, der nach einem halben Jahr noch lange nicht abgeschlossen ist. Erfahrungsgemäß brauchen Kinder ungefähr drei Jahre, um abends entspannt ein- und die ganze Nacht durchzuschlafen. Vorausgesetzt: sie wurden bis dahin liebevoll begleitet. Die Aufgabe, über Monate bis Jahre hinweg rund um die Uhr für ein Kind da zu sein, mag manche Eltern abschrecken – ist das stabile Fundament.

8. Habt Geduld bei Veränderungen

Der Schlafbedarf eines Menschen ist angeboren, individuell und altersabhängig. Viele sogenannte „Schlafstörungen“ begründen sich in einer unrealistischen Erwartung, wie lange ein Kind schlafen soll und verbessern sich oft alleine schon dadurch, dass die Eltern es abends später ins Bett bringen, den Tagesschlaf kürzen oder es am Morgen früher wecken. Um eine bleibende Veränderung des Schlafverhaltens zu erzielen, müsst Ihr den Schlaf-Wach-Rhythmus Eures Kindes 7 bis 14 Tage lang konsequent neuen Zeiten anpassen. Ihr könnt nicht beeinflussen wie viele Stunden Euer Kind innerhalb eines Tages schläft, aber Ihr könnt (sobald es etwas größer ist) entscheiden, wann es schlafen geht bzw. am Morgen aufwacht.

9. Lasst Euer Kind mitentscheiden

In allen Bereichen lohnt es sich, Kindern so viel Mitspracherecht einzuräumen wie möglich. Dann sind sie einerseits motivierter mitzumachen, andererseits orientiert sich die Lösung an den Wünschen des Kindes und wird erfolgreicher sein. Besprecht so gut es geht mit Eurem Kind, wie Ihr den Übergang zum Alleinschlafen gestalten könntet und wie sein Schlafplatz aussehen soll. Gestaltet mit ihm zusammen ein lustiges, gemütliches und attraktives „Nest“, in das es abends gerne hineinsteigt, um dort zu schlafen. Diesen Ort sollte es möglichst nicht mit Angst und Einsamkeit verknüpfen, von daher lohnt es sich, in der ersten Zeit abends bei ihm zu bleiben bis es schläft. Ist der neue Schlafort einmal vertraut und mit vielen schönen Empfindungen verknüpft, könnt Ihr Schritt für Schritt das selbständige Einschlafen ansteuern. Braucht Euer Kind nachts aus irgendeinem Grund wieder Eure Nähe, geht unbesorgt darauf ein. Je mehr Sicher- und Geborgenheit euer Kind auch nachts erlebt, desto entspannter kann es in den Schlaf gleiten. 

10. Eure nächtliche Betreuung lohnt sich

Wenn auch immer noch nicht ganz geklärt ist, wozu Schlaf dient, konnten Forscher definieren, dass wir nicht nur regelmäßig schlafen müssen, um uns zu erholen, sondern vor allem auch, um Gelerntes abzuspeichern. Während des Schlafs schottet sich das Gehirn von der Außenwelt ab und wendet sich inneren Abläufen zu. Im Tiefschlaf werden tagsüber erworbene Lerninhalte und Eindrücke nach Wichtigkeit sortiert und im REM-Schlaf zusammen mit Emotionen verknüpft. So macht es Sinn, nach dem Lernen zu schlafen, um die Informationen im Langzeitgedächtnis zu festigen. Nach einem traumatischen Erlebnis hingegen ist es besser, den Schlaf so lange wie möglich hinauszuzögern, um das Abspeichern der Erfahrungen zu verhindern. Wir schlafen folglich, um uns erinnern zu können! Diese spannende und für Lernende hilfreiche Erkenntnis der Schlafforschung zeigt die Bedeutung der liebevollen Begleitung der Eltern beim Einschlafen. Sind jene in den ersten Lebensjahren ihres Kindes abends zuverlässig präsent, werden insbesondere die damit verbundenen positiven Gefühle dauerhaft gefestigt.

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