Die kindliche Schlafentwicklung

Foto Stephanie Klausmann

Über die Autorin
Staatlich anerkannte Erzieherin, gelernte medizinische Fachangestellte im Bereich Pädiatrie (Kinderheilkunde) und Schlafberaterin.


Während meiner Beratungen spreche ich mit den Eltern grundsätzlich über die kindliche Schlafentwicklung; es ist enorm hilfreich zu wissen, wie diese in den ersten Lebensjahren abläuft, welche Faktoren einen Einfluss darauf haben und welche Erwartungen realistisch sein können.

Die langjährige Erfahrung der Schlafberatung von 1001kindernacht® hat gezeigt, dass die Schlafentwicklung eines Kindes unter idealen Bedingungen ungefähr drei Jahre dauert.

1. Lebensjahr

Wie andere Organfunktionen unterliegt auch der Schlaf beim Menschen einem zirkadianen; ungefähr 24 Stunden dauernden Rhythmus. Intrauterin, als im Mutterbauch und in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt ist jedoch noch ein ultradianer Rhythmus mit kurzen Schlaf- und Wachphasen rund um die Uhr vorherrschend. Das heißt: der Säugling schläft in vielen kleinen Schläfchen über den ganzen Tag verteilt. Im Verlaufe des ersten Jahres verlegt das Kind seinen Schlaf dann zunehmend in die Nacht.

Der menschliche Schlaf ist in Zyklen unterschiedlich tiefer Phasen gegliedert, die sich mehrmals pro Nacht wiederholen. Beim Säugling dauert ein Zyklus 50 Minuten, bei einem Erwachsenen 90-120 Minuten. Alle Menschen erwachen, bewusst oder unbewusst, mehrmals pro Nacht.

In den ersten 3 Monaten erwachen neugeborene Babys nachts noch sehr häufig. Das verlangte häufige Saugen an der Brust entspricht der vorerst noch kleinen Größe des kindlichen Magens und der daraus resultierenden Notwendigkeit in vielen kleinen Mahlzeiten ernährt zu werden. Das Neugeborene muss das Stillen bzw. Saugen erlernen, wenn dies oft genug erfolgt, regt dies die Milchproduktion bei der Mutter völlig natürlich und in gewünschter Menge an. Manche Babys neigen in den ersten 3 Monaten gerade abends und nachts zu vermehrtem Schreien, häufig möchten sie an die Brust oder können sich nur mit Körperkontakt und Bewegung beruhigen.

Zwischen dem 3. und 6. Lebensmonat schlafen sehr viele Kinder besser, manche sogar schon durch. 5 Stunden am Stück, ohne dazwischen nach den Eltern zu rufen, ist keine Seltenheit. Viele Eltern nehmen dann an, dass sie das Thema „Schlafen“ nun hinter sich hätten.

Die meisten Kinder beginnen dann jedoch zwischen dem 6. und 12. Monat wieder vermehrt aufzuwachen oder fordern Unterstützung zum Weiterschlafen ein. Häufig sind die Eltern verunsichert, sie verstehen die erneuten Schlafunterbrechungen nicht und denken, sie hätten etwas falsch gemacht. Aus fachlicher Sicht ist dies jedoch ein wichtiger Bestandteil der kindlichen Entwicklung und hat verschiedenste Gründe:

Wachstum & Gedeihen: Das Kind durchläuft während seines ersten Lebensjahres mehrere Wachstumsschübe, in diesen Phasen benötigt es mehr Nahrung.

Durch häufigeres Stillen wird somit die Milchproduktion ankurbelt und kann dem Mehrbedarf dienen. Da die Wachstumshormone vor allem im Schlaf ausgeschüttet werden, brauchen Säuglinge in den ersten Lebensmonaten auch nachts dringend Nahrung. Das kindliche Gehirn wächst in dieser Zeit enorm und ist rund um die Uhr auf Kalorien angewiesen. Manche Mütter nehmen irrtümlicherweise an, dass ihr Kind mit der Muttermilch nicht mehr satt wird und beginnen hier mit Zufüttern. Dies verhilft jedoch – wie Untersuchungen zeigen – nicht zu besserem Durchschlafen.

Es gibt mehrere Meilensteine in der kindlichen Entwicklung, in denen das Kind neue Entwicklungsschritte macht. Diese können zu Still- bzw. Ernährungsproblemen, vermehrtem nächtlichem Aufwachen, höherem Zuwendungsbedarf inklusive Körperkontakt führen.

„Fremdeln“: Die Fremdenangst ist eine gesunde und völlig natürliche Phase der emotionalen Entwicklung des Kindes. In dieser Zeit; mit einem Höhepunkt um den 8. Monat, zeigt das Kind mehr oder weniger große Angst an fremden Personen und Orten. Es sucht vermehrt den Schutz und die Zuwendung durch seine primären Bindungspersonen. Dies führt auch dazu, dass es nachts, wenn es wach wird, Sicher- und Geborgenheit braucht, um entspannt weiterschlafen zu können. Kinder, die bereits alleine geschlafen haben, schaffen dies häufig nicht mehr und benötigen die unmittelbare Nähe der Eltern.

Motorische Entwicklung: Das Kind lernt zwischen dem 6. und 12. Lebensmonat enorm viel Neues: dazu zählt oftmals das Sitzen, Krabbeln, Aufstehen und die ersten Schritte. Diese motorischen Lernschritte werden auch nachts im Schlaf geübt und gefestigt. Das wiederum führt meist zu nächtlicher Unruhe.

Das erste Jahr mit Neugeborenem, Baby und Kleinkind bringen verschiedenste Herausforderungen oftmals gleichzeitig mit sich und können dadurch die Nächte sehr anstrengend machen. Hier ist es wichtig, die Schlafsituation möglichst gut an die Bedürfnisse aller Familienmitglieder anzupassen. Das heißt konkret:

Eine ausreichend große Schlaffläche zu schaffen, damit alle genug Platz haben und trotzdem möglichst viel Nähe zu gewährleisten ist. So kann sich das Kind sicher und wohl fühlen. Zudem wird das nächtliche Stillen, wenn nötig, vereinfacht.

Neugeborenes schläft

2. Lebensjahr

Im zweiten Lebensjahr wachen Stillkinder nachts noch regelmäßig auf und möchten nach wie vor an die Brust, um dort ein- und weiterschlafen zu können. Für Mütter, die direkt neben ihrem Kind schlafen und bequem liegend stillen können, kann dies eine gute Option sein und Einiges vereinfachen.

Im Verlauf des 2. Lebensjahres nehmen diese nächtlichen Schlafunterbrechungen und Stillmahlzeiten in der Regel langsam an Häufigkeit ab. Kinder, die bereits abgestillt sind, aber noch bei den Eltern schlafen dürfen, schlafen oftmals bereits die ganze Nacht durch, oder benötigen nur noch wenig Hilfe beim Wiedereinschlafen. Sie sind von der emotionalen Entwicklung jedoch oftmals noch nicht in der Lage, die ganze Nacht alleine zurecht zu kommen. Sie wachen genauso oft auf wie die Stillkinder – dadurch, dass sie aber gelernt haben, ohne Brust einzuschlafen, können sie auch ohne Brust weiterschlafen. Was sie aber nach wie vor brauchen, ist die Nähe oder sogar den Körperkontakt zu den Eltern. Eltern, denen es ganz wichtig ist, dass ihr Kind nun im eigenen Zimmer schläft, können dort eine große Schlaffläche gestalten, wo ihr Kind vorerst in Beisein der Mutter oder des Vaters das alleine schlafen „lernt“. Klappt das gut, können sich die Eltern langsam zurückziehen.

Baby Schläft im Schlafsack

3. Lebensjahr

Manche Stillkinder schlafen nun abends zwar noch an der Brust ein, sind aber in der Lage, bis am Morgen ohne Stillen durchzuschlafen. Andere möchten nachts noch ab und zu an die Brust. Das Einschlafen abends kann spätestens jetzt durch attraktive Alternativen wie Büchlein vorlesen oder Singen begleitet werden. Zudem ist das Kind langsam aber sicher in der Lage, auch einmal kurz auf die Erfüllung eines Bedürfnisses zu warten. Durch die kognitiven und sprachlichen Kompetenzen kann die Ein-, Schlafsituation zunehmend mit dem Kind diskutiert werden.

Die meisten Stillkinder stillen sich zwischen dem 2. und 4. Geburtstag von selbst ab. Zwischen dem 2. und 3. Geburtstag erreicht die Trennungsangst ihren Höhepunkt, so dass Kinder, die davor schon alleine geschlafen haben, nun anfangen, ihr Bett und Zimmer nachts eigenhändig zu verlassen, um zu den Eltern zu gelangen. Für Kinder, die bisher bei den Eltern geschlafen haben, ist das 3. Lebensjahr aufgrund der Ängste kein geeigneter Zeitpunkt, um das Alleineschlafen einzuführen. Es bewährt sich, dem Kind gerade auch nachts noch möglichst viel Sicher- und Geborgenheit zu vermitteln, damit es die Dunkelheit und das Schlafen langfristig mit positiven Gefühlen verknüpft.

Kleinkind im Schlafsack mit Füßen

4. Lebensjahr

Ist alles gut gelaufen, das heißt: es wurden keine Schlaftrainings durchgeführt, bei denen das Kind zu früh alleine und schreien gelassen wurde, macht das Kind um den 3. Geburtstag herum eine Art Quantensprung. Spätestens im 4. Lebensjahr sind die Nächte vieler Kinder für die Eltern kein Thema mehr. Die Kinder schlafen nun abends entspannt und schnell ein. Oftmals machen sie tagsüber keinen Mittagsschlaf mehr, so dass der Schlafdruck am Abend sehr groß ist. Zudem sind sie nun in der Lage, die ganze Nacht durchzuschlafen (mit Ausnahme von Erkrankungen, schlechten Träumen etc...). Die biologischen Schlafzyklen haben sich denen von Erwachsenen angenähert; die Kinder schlafen jetzt länger und tiefer. Aufgrund der kognitiven und emotionalen Entwicklung sind sie nun in der Lage, auf die Nähe der Eltern zu vertrauen, auch wenn diese nachts nicht unmittelbar neben ihnen liegen. Die Trennungs- und Angstphase ist bestenfalls abgeschlossen, was zu mehr Sicherheit und Autonomie führt.

Braucht ein Kind aus irgendeinem Grund noch länger die nächtliche Nähe und Zuwendung der Eltern, empfiehlt es sich, weiterhin so gut als möglich darauf einzugehen und Geduld, sowie Zuversicht zu haben. Jedes Kind ist aufgrund seiner Persönlichkeit und Lebenserfahrungen anders. Das Alleineschlafen bringt dem Kind keinerlei Vorteile und erfüllt in erster Linie die Bedürfnisse der Eltern. In vielen Kulturen ist die nächtliche Autonomie kein erstrebenswertes Erziehungsziel. Eltern, die das gemeinsame Schlafen mit dem Kind genießen, dürfen dies so lange beibehalten, wie es auch für das Kind stimmt.

Für den Aufbau eines gesunden Selbst- und Urvertrauens des Kindes und einer tragfähigen Eltern-Kind-Beziehung lohnt es sich, die nächtlichen Bedürfnisse des Kindes so lange zu erfüllen, wie es darauf angewiesen ist. Da die Entwicklung des Kindes stetig voranschreitet und es laufend neue Fähigkeiten erwirbt, lohnt es sich, die Schlafsituation in den ersten 3 bis 4 Jahren individuell und kreativ zu gestalten und regelmäßig den veränderten Bedürfnissen der Familienmitglieder anzupassen.

Kleinkind in Schlafsack mit Füßen

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