Attachment Partenting

Bis in die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hinein, war die sogenannte traditionelle Erziehung die gängigste Methode, um ein Kind aufzuziehen. Kinder wurden stark gelenkt: Sie mussten immer gut zuhören, was gesagt wurde und tun, was ihnen aufgetragen wurde. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurden dann allerdings immer mehr Stimmen laut, die eine Erziehung forderten, bei der Selbstentfaltung, Zuneigung und Empathie eine entscheidende Rolle spielen. Eine dieser modernen Erziehungstheorien ist Attachment Parenting oder Bindungstheorie. Der Begriff Attachment Parenting geht auf den amerikanischen Kinderarzt William Sears zurück und bedeutet zu Deutsch etwa „bindungsorientierte Elternschaft“. Damit wird auf den Bindungsprozess zwischen Eltern und Kind Bezug genommen.

Philosophie

Attachment Parenting geht davon aus, dass jedes Kind ein Bedürfnis nach Vertrauen, Zuneigung und Empathie hat und dass die Eltern die Entwicklung dieser Eigenschaften fördern müssen. So wird das Kind später in der Lage sein, stabile und dauerhafte Beziehungen aufzubauen. Es ist eine intuitive Art der Erziehung, bei der das Kind umsorgt und ungewünschtes Verhalten auf gewaltfreie Weise korrigiert wird. Diese Philosophie zeigt, dass mit einem liebevollen, schützenden Umfeld die Grundlage für ein erfolgreiches Leben im Erwachsenenalter gelegt wird. Ein so erzogenes Kind wird als Erwachsener unabhängig, emotional stabil und glücklich sein.

Attachment Parenting nach Sears

Ende der 1970er Jahre wurde der Begriff Attachment Parenting geboren. Nachdem er sieben Jahre lang mit Kindern und Eltern gearbeitet hatte, begann Kinderarzt William Sears eine Methode zu entwickeln, bei der die liebevolle Elternschaft und eine harmonische Beziehung zu dem Kind im Mittelpunkt standen. Er nannte hierbei acht Ideale, mit denen das geistige und körperliche Wohlbefinden des Kindes optimiert wird.

Kontakt nach der Geburt

Eltern sollten sich körperlich und seelisch auf die Geburt vorbereiten und nach der Geburt in Kontakt mit ihrem Baby bleiben. Wenn der Kontakt aus medizinischen oder sozialen Gründen kurzfristig unterbrochen wird, sollte er so schnell wie möglich wiederhergestellt werden.

Zeichen

Eltern sollten gut auf die Zeichen ihres Kindes achten. Wenn das Kind schreit, darf es nicht allein gelassen werden, sondern sollte umsorgt werden. Da viele Babys ihre Bedürfnisse zum Ausdruck bringen, bevor sie anfangen zu schreien, wird ein Kind glücklicher sein, wenn die Eltern diese Bedürfnisse rechtzeitig erkennen und danach handeln.

Stillen

Stillen gilt als ideale Methode, um das Kind zu ernähren und zugleich seine emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen. Das Kind sollte dazu ermutigt werden, nur dann zu essen, wenn es hungrig ist und aufzuhören, wenn es satt ist. Bekommt ein Kind Flaschennahrung, sollte es so häufig wie möglich von den Eltern gefüttert werden. Auch hier gilt, dass das Kind nur dann Nahrung bekommen sollte, wenn es Appetit hat.

Körperkontakt

Ein Kind hat das Bedürfnis nach körperlicher Nähe, Stimulation und Geborgenheit. Berührungen erfüllen all diese Bedürfnisse. Man kann dabei an Stillen denken, das Kind baden, Massage und ein Kind so viel wie möglich am Körper tragen. Für letzteres gibt es z.B. Tragetücher, mit denen die Eltern beide Hände frei haben. 

Körperkontakt in der Nacht

Die Eltern können das Kind am besten zu sich ins Bett nehmen oder ein Beistellbettchen neben das elterliche Bett stellen. Schlaftraining ist tabu, da es einen schlechten Einfluss auf Körper und Seele des Kindes hat.

Positiv verbessern

Wenn auf unerwünschtes Verhalten nicht mit Aggressionen reagiert wird, sondern dieses Verhalten auf positive Weise korrigiert wird, entwickelt das Kind Empathie. Ein Kind, das mit Respekt behandelt wird, behält seine Würde, wodurch es später die Fähigkeit haben wird, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Trennung vermeiden

Babys und Kleinkinder haben ein starkes Bedürfnis nach Kontakt zu den Eltern. Regelmäßige Trennungen oder eine Trennung über einen längeren Zeitraum müssen so weit wie möglich vermieden werden. Wenn eine Trennung unvermeidlich ist, empfiehlt es sich, eine andere Kontaktperson, die eine enge Bindung mit dem Kind hat, mit der Aufsicht zu betrauen.

Ausgeglichenheit

Persönliche Ausgeglichenheit und Ausgeglichenheit innerhalb der Familie sind wichtig. Ausgeglichene Eltern reagieren mit konstruktiven Gefühlen. Sie müssen so gut wie möglich für die Erfüllung der individuellen Bedürfnisse von anderen sorgen, ohne dass dies auf Kosten ihrer eigenen körperlichen und seelischen Gesundheit geht. 

Kritik

Jede Erziehungsmethode hat ihre Befürworter und Kritiker. So auch Attachment Parenting. Manche Menschen denken, dass die Eltern bei Attachment Parenting zu stark belastet werden, da sie dem Kind ständig ihre Aufmerksamkeit widmen müssen. Da es in der Praxis meist die Mutter ist, die sich am stärksten aufopfert, sind Feministen der Meinung, dass es für Attachment Parenting-Mütter so gut wie unmöglich ist, zu arbeiten und dass diese Mütter daher zur Vollzeit-Mutterschaft verurteilt werden.

Andere geben zu bedenken, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis dafür gibt, dass mit Attachment Parenting auf lange Sicht bessere Ergebnisse erzielt werden als mit konventionellen Erziehungsmethoden. Nach Meinung des Psychologen Jerome Kagan versäumt Attachment Parenting, die angeborenen Charaktereigenschaften des Kindes zu berücksichtigen. So werden Eigenschaften wie Schüchternheit teilweise vererbt, und das ist ein Aspekt, dem bei dieser Erziehungsmethode keine Beachtung geschenkt wird. Auch können Kinder durch ihre angeborenen Charaktereigenschaften beim Fremdsituationstest abweichende Ergebnisse erzielen.

Viele Menschen glauben, dass es sehr gefährlich ist, mit Kindern in einem Bett zu schlafen. Die Mutter oder der Vater könnte sich im Schlaf auf das Kind drehen, was verheerende Folgen nach sich ziehen kann. Auch kann ein Kind sich in der Bettdecke verheddern. Kinderärzte befürchten einen Zusammenhang zwischen dem Schlafen von Babys im elterlichen Bett und dem Wiegentod. Ein Beistellbett wird von Kinderärzten hingegen durchaus empfohlen.

Eigene Ideen

Natürlich ist die Realität nicht so schwarz-weiß, dass Eltern die Attachment Parenting-Methode entweder ganz oder gar nicht anwenden. Viele Eltern fühlen sich von einigen Punkten angesprochen, von anderen hingegen weniger. Für die Eltern besteht die Kunst darin, ihr Kind so zu erziehen, dass es dabei sowohl ihnen selbst wie auch ihrem Kind gut geht. Das ist doch das Wichtigste!

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